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| | Kenneth Angst, NZZ, 14. Januar 1982
Wider den Geschichtsverlust einer Talschaft
Ein regionalgeschichtlicher Beitrag aus dem Kanton Solothurn
„Wenn du im Thal aufgewachsen bist, so lässt dich diese Gegend dein ganzes Leben nicht mehr los“ – mit diesem markigen Diktum eines Einheimischen ist ein kürzlich erschienener Beitrag zur Geschichte der Solothurner Region Thal betitelt, jenem zum Kanton Bern angrenzenden Bezirk mit Zentrum in Balsthal. Herausgegeben wurde die vom gebürtigen Balsthaler und Zürcher Sozialhistoriker Wolfgang Hafner verfasste Arbeit von der dortigen Regionalplanungsgruppe anlässlich der 500-Jahrfeier des Kantons.
Die knapp hundert Seiten starke Schrift steht wohltuend quer zur Tradition einer häufig archivarisch-akribisch inspirierten Regionalhistorie. Geschichte wird darin nur sehr selektiv unter dem Gesichtspunkt sozialer und wirtschaftlicher Modernisierungsprozesse thematisiert, welche seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert auch die Thaler Dorfgesellschaften nachhaltig verändert haben, vorindustrielle Arbeits- und Lebenszusammenhänge langsam zersetzten und dabei den Generationen stets neue und konfliktträchtige Anpassungsleistungen abverlangten. Auf einem in dieser Perspektive bloss locker und bruchstückhaft montierten Fakten- und Ereignishintergrund gilt dann das Hauptinteresse des Autors vorab den alltagspraktischen Erfahrungen, Werthaltungen und Reaktionen der vom säkularen Wandel betroffenen Zeitgenossen, ihren Versuchen, diesen via Schule, Kirche, Vereine, Zeitung usw. kulturell zu verarbeiten und politisch zu beeinflussen.
Einbruch der Moderne
Das Szenario des ersten Abschnittes für die Periode von 1780 – 1870 bildet die Auflösung der einst autarken, patrizisch-obrigkeitlich verfassten Thaler Gemeinwesen (1798 insgesamt 10 mit 4500 Einwohnern), welche mit der Helvetischen Revolution endgültig in den Sog industriewirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung gerieten: Ausbildung einer bäuerlichen Dorfaristokratie im Gefolge von aufblühendem Handel, Einhegungen und Umstellungen auf Viehwirtschaft, vermehrte Taglöhnerei und Heimarbeit armer und verarmter Kleinbauern, Entstehung der Thaler Eisenindustrie (Bergbau, Von Rollsche Eisenwerke) und einer neuen Schicht sogenannter Arbeiterbauern, allgemein zunehmende Mobilität u.a.m. „Jeder sollte für sich sein, nur Gott war für alle da“, so die griffige Formel des Verfassers für einen neuen Geist marktökonomischer Betriebsamkeit, der in immer mehr Lebensbereiche eindrang und die traditionale Alltäglichkeit der „rural community“ fühlsam zu verändern begann. Anhand kurz kommentierter Quellen werden einzelne Spuren und Folgen besonders beleuchtet, wi etwa der Widerstand bedrängter Bauern oder angestammter Gewebeproduzenten, das Misstrauen gegenüber den neuen Fabriken und den Fremden, die beginnende Ausrichtung an Werten wie Fleiss, Eigentum und Leistung, die Moralisierung des Lebens auch ausserhalb der Arbeit.
Der zweite Teil dann spannt den zeitlichen Rahmen bis zum Ersten Weltkrieg und berichtet vom weiteren Vormarsch von Industrie und Gewerbe auf Kosten der Landwirtschaft (u.a. Etablierung zahlreicher Uhrenateliers), vom frenetisch gefeierten Anschluss an die Eisenbahn am Ende des 19. Jahrhunderts und den Bemühungen um Dünnern-Korrektur und Elektrifizierung der Dörfer. Die damit in einen engen, manchmal etwas zu funktional konstruierten Zusammenhang gebrachte Schilderung der damaligen Lebenswelt der Thaler ist durch Abschnitte des 1871 gegründeten „Balsthaler Boten“ lebendig und vergnüglich dokumentiert. Streiflichtartig werden Aspekte des Arbeitsklimas, der Erziehungsarbeit in der Volksschule im Kampf um individuelle Selbstdisziplin und Gehorsam (z.B. via öffentliche Absenzenkontrolle) und der Aktivitäten katholisch-konservativer bzw. freisinniger Gesinnungs- und Freizeitverein behandelt; auch Phänomene wie Trunksucht und Gewaltausbrüche oder familiäre Dorfkrähe finden in dieser Phase raschen Wandels engagiert-liebevolle Beachtung.
Rückgriff auf Erinnerungen
Das letzte Kapitel über die Zwischenkriegszeit („Die Zeit der Väter und Mütter“) erzählt einleitend von der Arbeitslosigkeit im Thal und den kommunalen Notstandsarbeiten, von industriellen Dorfkönigen und ihrer durch ausgeprägte Firmentreue belohnten patriarchalischen Fürsorge (Z.B. Hilfe beim Haus- und Wohnungsbau), von der harten Doppelbelastung vieler Nebenerwerbsbauern wie auch von der – allerdings bedeutungsarmen – Existenz geheimer nationalsozialistischer Ortsgruppen. Im übrigen beruht der vom Konzept der „oral history“ her animierte Zugang zu dieser Periode jüngerer Vergangenheit – die Nachkriegszeit blieb leider in der Arbeit unberücksichtigt – vollständig auf den Erinnerungen älterer Thaler aus verschiedenen Gemeinden. In diesen vom Autor unfrisiert wiedergegebenen mündlichen Interviews ist viel die Rede von langen Krankheiten und Grippetod, von harten Lehr- und Wanderjahren der Burchen und Mädchen und der grossen Autorität der Lehrer, Pfarrer, Väter und Unternehmer; Handfestes erfährt man hier auch über die strenge Erziehung in den kinderreichen Familien, die vielfältigen Spannungen zwischen Freisinnigen und Katholischen und darüber, wo und wie sich Leute kennengelernt haben, welches ihre Bräche und ihre Kleider waren . Schade bloss, dass ein Interview mit dem Prokuristen eines in den
70er Jahren verstorbenen Unternehmers aus „lokalpolitischen Ueberlegungen“ nicht abgedruckt werden durfte.
(Anmerkung: Im Jahrbuch für Solothurnische Geschichte, 79. Band, Solothurn 2006
ist jetzt dieses Interview abgedruckt, begleitet von einer Beschreibung der
Ereignisse von Urban Fink; vgl. dazu den Artikel vom 4.
Januar 2007 im Solothurner Tagblatt)
Die kurzweilige, überaus anschaulich und impressionistisch aufgezogene und mit interessantem Bildmaterial
reich illustrierte Arbeit dürfte sich ganz besonders auch für den Einsatz im Heimatkunde- oder Geschichtsunterricht eignen, zur kollektiven Aktualisierung historischer Bezüge beitragen und natürlich den Thalern selbst manchen Gesprächsstoff liefern. Wenigstens in Umrissen macht der Beitrag schliesslich deutlich, wie ein sozialgeographisch begrenztes Milieu zu einem eigentümlichen „Kollektivgedächtnis“ kommt, zu einem Archiv an identitätsstiftenden und heimatverbürgenden Traditionen – solche zu kennen und möglichst zu respektieren gehörte eigentlich ins selbstverständliche Kalkül einer jeden zukunftsträchtigen Regionalplanung.
Rea Brändle im Tages-Anzeiger vom 20. Februar 1982:
Darüber hinaus – und für Nichtsolothurner um so interessanter – hat Hafners Untersuchung exemplarischen Charakter, steht für eine Richtung innerhalb der Geschichtswissenschaften, die während der letzten Jahre auch bei uns mit Schlagworten wie „Geschichtsschreibung von unten“, „Historie vom gelebten Leben“, „Dimension des Alltäglichen“, „Betroffenheit des forschenden Subjekts“, vor allem aber als „Oral History“
von sich reden machte.
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